![]() |
![]() |
![]() |
Toralf Kleinsorge (Europa Universität Viadrina, Frankfurt Oder)
Wege der Juden durch das Lebuser LandDas Lebuser Land hat sich zwar nicht zu einem bedeutenden Schauplatz euro- päisch-jüdischer Geschichte entwickeln können, bildete aber zweifellos ein wichtiges Wegenetz, das von deutschen und polnischen Juden vom späten Mittelalter bis in die Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts intensiv und in beiden Richtungen genutzt wurde. Bereits im späten Mittelalter gründeten sich im Gebiet der mittleren Oder jüdische Gemein- den, die in den folgenden Jahrhunder- ten als Wegeposten für die jüdischen Fernhändler aus den Nachbarprovinzen des polnisch-litauischen Reiches eine wichtige Rolle spielten. Wie vielen anderen jüdischen Gemeinden blieb auch diesen Gemeinden die Erfahrung von physischer Bedrohung und Vertreibung nicht erspart, aber dennoch fanden jüdische Zuwanderer immer wieder den Mut und die Motivation, eine Wiederansiedlung oder eine Neugrün- dung zu wagen. Frankfurt an der Oder war mit seinen Messen vom 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert ein wichtiger Treffpunkt für jüdische Händler aus Polen-Litauen, Brandenburg und Pommern, der auch ein Ort der innerjüdischen Kommunikation war, Heiratsmarkt und Jobbörse gleichermaßen. Im 19. Jahrhundert bildeten die Juden einen wichtigen Bestandteil des Bürgertums und seiner Kultur in den Klein- und Mittelstädten des östlichen Brandenburg, deren uneingeschränktes Ja zur bürgerlich-marktwirt- schaftlichen Modernisierung und zu einem breiten kulturellem Engagement noch heute beeindrucken. Die Darstellung jüdischer Geschichte als Teilgeschich- te des Lebuser Landes stellt im Rahmen des an Themen überaus reichen Ausstellungsprojektes eine interessante Herausforderung dar. Die relativ geringe Zahl von materiellen Spuren jüdischen Lebens (Synagogen, Friedhöfe) im Lebuser Land sollte als Chance begriffen werden, neue Formen der Sichtbar- und Hörbar-Machens jüdischer Vergangenheit in der Auseinandersetzung mit den Erfolgen und Misserfolgen der jüdischen Museumskultur, die seit den 90er Jahren einen beeindruckenden geistigen und organisatori- schen Aufschwung erfahren hat. Die religiös-kulturelle und ökonomische Distanz zwischen Christen und Juden darf hierbei nicht vorschnell "überbrückt" werden (wie es allzu häufig geschieht), sondern die gegen- seitige und dauerhafte Fremdheitserfahrung ist deutlich zum Vorschein zu bringen. Der Zugewanderte will und muss manchmal ein Fremder bleiben und dieses Anderssein kann und muss von einer Gemeinschaft ausgehalten werden. So könnte der bis heute lebendige Stereotyp vom jüdischen Hausierer aufgenommen werden, der mit aller Raffinesse und in einem jiddisch verhunzten Deutsch seine minder- wertigen Waren an den gutgläubigen Landmann zu bringen sucht. In nachdenklicher und zugleich unterhaltend-spielerischer Weise sollte nach den Qualifikationen des jüdischen Hausierers gefragt werden, die ihm von der bäuerlichen Bevölkerung in einer feind- lich-misstrauischen Weise zugeschrieben wurden. Übersetze man diese in die Sprache neoliberaler Ökonomen von heute, hießen sie vermutlich geistige Flexibilität, unein- geschränkte Mobilität und unternehmerische Selbständigkeit. Die kritische Nachzeichnung der bis heute wirksamen Bilder vom naturnahen und körperlich hart arbeitenden Bauern, dem die Bindung an den heimatlichen Boden und ein stetiges Einkommen durch die Arbeit der eigenen Hände viel bedeutet hätte, und vom wandernden und handelnden Juden, dem Heimatgefühle fremd seien und nur an das Erwirtschaften eines maximalen Gewinns gedacht hätte, soll die Besucher nicht nur historisch informieren, sondern darüber hinaus zum Nachdenken über unsere eigenen Perspektiven auf die Welt der Ökonomie und Arbeit von heute und ihre Ambivalenz anregen. In welcher Weise behindern uns tradierte Vorurteile bei der Entwicklung neuer Ideen für Produkte, Dienstleistungen und Infrastruktur in einer Region an der ökonomischen Peripherie? Wo stoßen die Sehnsüchte der agrarischen Vormoderne nach Kontinuität und Stabilität mit den Forderungen der globalen Postmoderne nach Flexibilität und Mobilität aufeinander und lässt sich dieser Aufprall abfedern? Die Faszination für das fremde und ferne Judentum und zugleich die Gefahr seines Missverstehens infolge der Ignoranz gegenüber den lebendigen Juden der eigenen Gegenwart demonstrieren die Schriften von Theologie- professoren der Frankfurter Viadrina und ihre Bestrebungen, die hebräische Druckerei der Universität als einen ernstzunehmen- den Verlagsort für hebräische Bibel- und Talmudausgaben zu profilieren. Dieses weit- gehend vergessene Kapitel Frankfurter Geschichte, das durchaus seinen Sitz im Leben der realen Stadtökonomie hatte, ließe sich in Kooperation mit dem Stadtmuseum Viadrina sehr gut visualisieren und an die verschiedenen Besucherprofile anpassen. Den Wegen der Juden sollte gerade nicht im Sinne einer vergangenen Exotik nachge- gangen werden, sondern vielmehr würde sich der Versuch lohnen, jüdische Geschichte in der Balance des Fremden und des Eigenen darzustellen. Die Flüchtigkeit und Brüchig- keit jüdischer Lebenswelten in den vergangenen Jahrhunderten würde sich in den Formen der Darstel- lung widerspiegeln, die bewusst auf mobile, spontane und provokative Elemente setzt und die sich gerade an den betriebsamen und zumeist wenig beschaulichen Orten im wahrsten Sinne des Wortes sehen lässt (Bazare an der Grenze, Einkaufszentren/-passagen usw.). |